Tessin

Centovalli entdecken: das Tal der hundert Täler in langsamem Tempo

· von Katrin Oswald

Wer von Locarno westwärts fährt, merkt schnell, dass hier die Uhren anders gehen. Das Centovalli, das «Tal der hundert Täler», ist eng, grün und steil. Unzählige Seitentäler schneiden sich in die Hänge, und die Dörfer kleben wie Schwalbennester an den Felsen. Es ist kein Ort, den man abhakt. Es ist ein Ort, an dem man bleibt.

Mit der Bahn hinein, zu Fuss weiter

Die schönste Art anzukommen ist die Centovallibahn. Die schmalspurige Strecke zwischen Locarno und Domodossola windet sich über Viadukte und durch Tunnels, und durch die grossen Fenster sieht man tief unten die Melezza rauschen. Steigen Sie nicht in Camedo aus, sondern schon in Intragna, Verdasio oder Palagnedra. Von dort führen alte Saumwege in die kleinen Weiler am Hang.

Ein ruhiger Halbtag: von Verdasio mit der kleinen Seilbahn hinauf nach Rasa, einem autofreien Dorf mit Kirche, Brunnen und ein paar Bänken in der Sonne. Zurück geht es zu Fuss durch Kastanienwald nach Intragna, gut zwei Stunden, immer leicht abwärts.

Steinhäuser, Rustici und Stille

Typisch für das Tal sind die Rustici: Häuser aus grob behauenem Gneis mit Dächern aus Steinplatten. Viele standen früher nur im Sommer offen, wenn die Familien mit dem Vieh auf die Monti zogen. Heute sind einige liebevoll renoviert, andere zerfallen langsam und werden vom Wald zurückgeholt. Beides gehört zum Bild.

Was auffällt, ist die Stille. Kein Durchgangsverkehr, kaum Geschäfte, abends nur das Wasser und die Glocken. Für viele Gäste aus der Deutschschweiz ist genau das der Grund, wiederzukommen.

Wann hinfahren?

  • Frühling: Kamelien und Glyzinien in den Gärten, angenehme Temperaturen zum Wandern.
  • Sommer: heiss im Tal, angenehm in der Höhe. Baden in den Gumpen der Melezza nur bei ruhigem Wasser und nie nach Gewittern.
  • Herbst: die schönste Zeit. Die Kastanien fallen, die Wälder färben sich golden, und die Luft ist klar.
  • Winter: sehr ruhig, viele Unterkünfte geschlossen, aber sonnige Hänge auf der Nordseite des Tals.

Ein paar Tipps für unterwegs

Nehmen Sie Bargeld mit, nicht jede Grotto-Beiz akzeptiert Karten. Prüfen Sie vor einer Wanderung die Fahrzeiten der kleinen Seilbahnen, sie fahren teils nur saisonal. Und planen Sie lieber eine Etappe zu wenig als eine zu viel. Aktuelle Informationen zu Wegen und Verbindungen gibt die Tourismusorganisation Ascona-Locarno.

Das Centovalli belohnt nicht die, die viel sehen wollen, sondern die, die genau hinschauen. Ein Kaffee auf einer Piazza, ein Gespräch mit einer Frau, die seit achtzig Jahren im selben Haus wohnt, ein Nachmittag am Fluss: Mehr braucht es nicht.