Slow Living

Slow Living: was wir vom Leben in den Tessiner Dörfern lernen können

· von Katrin Oswald

Slow Living ist ein Begriff, der nach Instagram klingt: Leinenkleider, Sauerteig, Kerzen. Dabei ist die Idee viel älter und viel einfacher. In den Tälern des Tessins haben Menschen jahrhundertelang so gelebt, nicht aus Lifestyle-Gründen, sondern weil das Leben am steilen Hang es verlangte. Einiges davon lohnt sich, wieder zu lernen.

1. Dem Tag einen Rhythmus geben

Im Dorf beginnt der Tag mit dem Licht und endet, wenn es dunkel wird. Die Glocke um Mittag teilt ihn in zwei Hälften. Feste Zeiten für Essen, Arbeit und Ruhe sind kein Zwang, sondern eine Entlastung: Man muss nicht ständig neu entscheiden. Wer zu Hause morgens zur gleichen Zeit aufsteht und abends zur gleichen Zeit den Bildschirm weglegt, schläft meist besser und fühlt sich ruhiger.

2. Mit den Jahreszeiten essen

Im Frühling Löwenzahn und Bärlauch, im Sommer Tomaten und Bohnen, im Herbst Kastanien, Pilze und Trauben, im Winter Polenta, Käse und Eingemachtes. Saisonal zu kochen ist günstiger, schmeckt besser und ist ohne Ernährungsplan ziemlich ausgewogen. Ein Wochenmarkt-Besuch ersetzt viele Ratgeber.

3. Draussen sein, jeden Tag

Früher ging man zum Brunnen, in den Stall, zum Nachbarn. Heute muss man sich die Bewegung draussen bewusst einplanen. Schon zwanzig Minuten Spazieren bei Tageslicht verbessern die Stimmung und den Schlaf. Es muss keine Wanderung sein. Der Weg zum Einkaufen zu Fuss zählt auch.

4. Die Piazza pflegen

Das Wichtigste im Tessiner Dorf ist nicht die Kirche, sondern der Platz davor. Dort trifft man sich, ohne sich zu verabreden. Diese beiläufigen Begegnungen fehlen vielen Menschen in der Stadt. Ein Stammcafé, ein Verein, ein fester Spaziergang mit der Nachbarin: Solche kleinen Rituale schützen nachweislich vor Einsamkeit.

5. Reparieren statt ersetzen

Eine Trockenmauer wird ausgebessert, nicht neu gebaut. Ein Korb wird geflickt. Diese Haltung spart Geld und schont Ressourcen, sie verändert aber auch den Blick auf die Dinge. Was man pflegt, schätzt man mehr.

Langsam ist nicht bequem

Ehrlich gesagt war das Leben in den Tälern oft hart, und niemand muss es romantisieren. Aber die Grundidee bleibt gültig: weniger hetzen, mehr wahrnehmen, Beziehungen wichtiger nehmen als Termine. Man muss dafür nicht ins Centovalli ziehen. Es reicht, im eigenen Alltag ein paar Dinge bewusst langsamer zu machen und zu beobachten, was sich verändert.

Ein guter Anfang: Nehmen Sie sich diese Woche eine Mahlzeit vor, die Sie ohne Handy, ohne Fernseher und ohne Eile essen. Es ist erstaunlich, wie lang zwanzig Minuten sein können.